Ein turbulentes Jahr neigt sich dem Ende zu – Rückblick und Erwartungen für 2021

Ein Jahr voller Herausforderungen und rasanter Entwicklungen neigt sich dem Ende zu. Ein großes Thema ist dieses Jahr die Covid19-bedingte Situation. Die globale Wirtschaft wurde auf den Kopf gestellt und auch die Industrie ist nach wie vor stark von der Pandemie betroffen. Im Oktober, auf dem 34. Forum für Industrielle Instandhaltung wurde unter Moderation von Herrn Florian Zangerl (Geschäftsführer Weka Industrie Medien) bei der Podiumsdiskussion über die Veränderungen und Erwartungen an die Industrie durch die Pandemie diskutiert. Inwiefern ist der betriebliche Alltag davon betroffen? Wie wirken diese externen Einflüsse auf die Organisationen und wie reagieren Österreichs Betriebe darauf?

Nicht nur negative Auswirkungen sind dabei festzustellen, vor allem die rasanten Entwicklungen im Bereich der Digitalisierung wurden von den Diskussionsteilnehmern unterstrichen. Zudem rücken neue Arbeitsmodelle in den Fokus der Betriebe. Falls Sie die diesjährige Diskussionsrunde zum Thema "Rezession, Krisenvorsorge und wertschöpfende Instandhaltung" versäumt haben, können Sie hier die wichtigsten Punkte nachlesen.

Podiumsdiskussion | Teilnehmer

  • Prof. Dr. Hubert Biedermann
    Präsident der ÖVIA, Leiter Wirtschafts- und Betriebswissenschaften an der Montanuniversität
  • Mag. Dr. Daniela Ebner
    Director Manufacturing, Quality & Operational Excellence, ALPLA Werke
  • DI Alexander Kirchner MBA
    Geschäftsbereichsleiter Assetbetrieb und -service, Wien Energie GmbH
  • Ing. Heinz Moitzi
    Vorstandsdirektor, COO, AT&S AG
  • Dr. Herbert Bäck
    Geschäftsführer Logistik Management Systeme GmbH

Prof. Hubert Biedermann


Biedermann

Ing. Heinz Moitzi


Moitzi

Dr. Herbert Bäck


Bäck

Dr. Daniela Ebner


Ebner

DI Alexander Kirchner


Kirchner


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Fragen & Themenblöcke

Ebner: Wir sind weltweit aufgestellt und haben die Corona-Krise bereits im Februar in China bemerkt. Wir konnten aus dieser Krise bzw. der Situation in China lernen und dieses Wissen weltweit auf unsere Betriebe umlegen. Die chinesischen Kollegen waren definitiv besonnener und vorbereiteter. Krisenmanagement war bei uns zuvor kein großes Thema. Die Kollegen haben uns sehr dabei unterstützt die Vorgaben rasch in unsere Betriebe zu bringen. Ich denke wir Europäer waren für diese Situation nicht gewappnet.

Kirchner: Die Situation war bei uns eine gänzlich andere. Wir sind als Betreiber der kritischen Infrastruktur im Bereich der Energieversorgung in einer anderen Branche. Ohne Strom-, Wärme- oder Abfallentsorgung funktioniert gar nichts mehr. Wir haben die Situation gut gemeistert, auch wenn die Herausforderung eine sehr große war. Wir haben im Februar, als in Italien die ersten Corona-Fälle auftraten, erste Maßnahmen gesetzt und das Krisenmanagement aktiviert. Es ist eine sehr hierarchische, fast militärische Struktur die dann in Kraft tritt. Wenn der Härtefall eintritt, zählen einfach schnelle Entscheidungen.

Biedermann: Keine Frage, ein Universitätsinstitut befindet sich in einer privilegierten Lage. Ein Teil der Mitarbeiter ist aus Bundesmitteln finanziert, jedoch sind doch über 50% der Angestellten auf Drittmittel angewiesen. Ich kann nur die Beobachtung wiedergeben, dass Projekte mit sehr namhaften Industrieunternehmen durch die Krisensituation wegen Liquiditätsproblemen abgesagt wurden. Auf der anderen Seite gibt es im nahen Umfeld Unternehmen, die trotz dramatischer Einbrüche in den Absatzzahlen Projekte fortgesetzt haben. Man erkennt hierbei sehr stark die unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Die Unternehmen müssen sich in einer solchen Situation die Frage stellen, ob sie weiterhin gestalterisch oder nur reaktiv tätig sein wollen.

Moitzi: Wir sind ähnlich aufgestellt wie die Firma Alpla. Wir sind auch international tätig und haben Werke in Korea, Indien und China. Wir haben schon viel in der SARS-Krise gelernt und hatten dadurch Krisenpläne in der Schublade. Was hat sich geändert? Aus unserer Sicht hat man in Österreich sehr lange die Entwicklungen in China beobachtet und dabei übersehen, dass die Krise Europa sehr stark beeinflussen wird. Die globale Aufstellung hat uns jedoch sehr geholfen und auch das voneinander Lernen war ein großer Faktor. Maßnahmen, die in China bereits eingesetzt wurden, konnten in Österreich 1:1 übernommen werden. Die größte Veränderung ist, dass grundlegende Dinge, die vor der Krise selbstverständlich waren, wie bspw. Transporte einfach nicht mehr zur Verfügung stehen.

Bäck: Wir sind Dienstleister und sammeln weltweit Daten aus diversen Unternehmen. Wir haben bemerkt, dass im Januar die Datenströme kleiner geworden sind. Zu diesem Zeitpunkt haben wir jedoch den Hintergrund noch nicht verstanden. In der Logistik können wir beobachten, dass sich Unternehmen vermehrt Pandemielager aufbauen. Das ist für die Zukunft eine sehr interessante Geschichte. Eine Reihe von Unternehmen trifft außerdem bereits die Entscheidung gegen den Teiletourismus. Diese Strategie würde bedeuten, Teile in Polen zu produzieren, für Umbauten nach Spanien und dann zum Zusammenfügen nach Deutschland zu schicken. Ich hoffe, diese Meinung verbreitet sich und viele Unternehmen erkennen die Nachteile aus dieser Vorgehensweise.

Kirchner: Die Beobachtung der Zunahme von Pandemielägern kann ich nur bestätigen. Wir sind eines der Unternehmen, das sich ein solches angelegt hat. Wir haben einfach gemerkt, dass die Schutzausrüstung knapp geworden ist. Als nicht klar war, ob die Masken nach Europa lieferbar sind, haben wir begonnen uns selbst Masken mittels 3D-Druck Verfahren herzustellen. Das hat der Innovation im Unternehmen wieder einen Schub gegeben. In der Not wird man eben kreativ. Ich bin sehr stolz, dass wir das ursprüngliche Revisionsprogramm sehr gut geschafft haben. Es war jedoch eine enorme Herausforderung, an die notwendigen Teile und das Fachpersonal zu kommen. Überraschend war dabei, dass die Qualität der Revisionen deutlich besser war. Das hat den einfachen Grund, dass mehr Fachpersonal verfügbar war. Die Experten waren mehr oder weniger in Österreich gefangen und wurden dann vor Ort eingesetzt, das hat man stark gemerkt.

Biedermann: Wir haben vor kurzem eine Umfrage zum Ersatzteilmanagement durchgeführt. Dabei haben wir die interessante Erkenntnis gemacht, dass viele Firmen vermehrt auf 3D-Druck setzen. Strategische Ersatzteile für sich selbst im Verbund mit anderen Firmen zu fertigen, ist ein großes Thema. Das wird dem 3D-Druck weiter einen Auftrieb geben. Es geht also nicht nur um das Lagern, sondern auch um Entscheidungen, welche Teile selbst gefertigt werden können bzw. sollen.

Moitzi: Bei uns waren nicht die Ersatzteile das Problem, sondern eher das hochspezialisierte Servicepersonal. Diese Fachkräfte mit all den geltenden Quarantänemaßnahmen vor Ort zu bringen, war vor allem in China eine große Herausforderung. Dadurch konnten Maschinen nicht in Betrieb genommen bzw. serviciert werden. Das gleiche Problem hatten wir dann später innerhalb von Europa.

Ebner: Das war bei uns genau das Gleiche. Es war einfach nicht möglich, das Fachpersonal vor Ort zu bekommen, dadurch mussten einige Projekte vorübergehend auf Eis gelegt werden. Es war jedoch sehr interessant zu beobachten, wie die Betriebe auf einmal begonnen haben, sich selbst zu organisieren. Durch den Einsatz von digitalen Methoden konnte den Mitarbeitern vor Ort geholfen werden. Die Qualität ist in vielen Fällen nicht schlechter bzw. gleich gut gewesen. Man hat z.B. mit Hilfe von Google Glasses Maschinen aufgestellt und durch Remote Support das Personal vor Ort unterstützt. Das war eine wirklich interessante Auswirkung der Krise und hilft uns jetzt dabei, die Betriebe nicht nur zu befähigen, sondern zu pushen diese Experten selbst vor Ort zu haben.

Ebner: Es hat funktioniert, es war jedoch der erste Versuch. Auf diesen Bereich haben wir in der Vergangenheit nicht viel Wert gelegt, da wir dachten, dass es nicht gut umsetzbar wäre. Dieser Test bewies jedoch, dass es funktionieren kann. Dadurch hat das Digitalisierungsthema bei uns einen noch höheren Stellenwert bekommen.

Kirchner: Wir haben auch durch die Krise einen Digitalisierungsschub erlebt. Das ist einer der positiven Effekte der Situation. Auch bei uns hat das Remote-Service gut funktioniert, auch wenn das in der Vergangenheit wenig in Anspruch genommen wurde. Es hat auch den Assistenzsystemen, die wir zwar bereits im Vorfeld entwickelt, jedoch nicht großflächig im Einsatz hatten, einen Aufrieb gegeben. Diese sind nun viel stärker im Einsatz. Auch das Thema Remote Service hat sehr an Bedeutung gewonnen und wird viel stärker genützt.

Moitzi: Wenn Sie rein auf die Bearbeitungszeit achten, mag das sein. Wenn man jedoch die gesamte Durchlaufzeit betrachtet, von der Anreise bis zur Abreise wird es sich relativieren. Unsere Erfahrung ist, dass das Remote Service im Zeitablauf wesentlich professioneller geworden und die Akzeptanz dafür gestiegen ist. Ich glaube in den letzten Monaten haben die meisten Firmen unglaublich viel Professionalität in den Bereichen aufgebaut. Bei uns ist jedoch ein Thema geblieben: der Sicherheitsaspekt. Unsere Projekte unterliegen einer strikten Geheimhaltung. Das ist ein wesentlicher Punkt beim Thema Digitalisierung.

Biedermann: Wir arbeiten mit etlichen Anlagenbauern zusammen und die Erwartungshaltung für Remote Services nimmt definitiv stark zu, aber die Datensicherheit ist dabei ein großes Thema. Wie kann sichergestellt werden, dass das Know-How nicht zum Mitbewerb kommt? Wir befinden uns hier mitten in einem Change Prozess, bei dem wir beobachten können, dass Firmen nun das tun, wozu wir sie schon lange auffordern: sich zu überlegen, welche ihre kritischen Komponenten und erfolgsorientierten Anlagen sind. In welchen Bereichen soll das Know-How im Unternehmen gehalten und der strategische Fokus darauf ausgerichtet werden und welche Anlagen können ohne weiteres einfach vom Anlagenbauer serviciert werden und das Know-How ohne Bedenken zugekauft werden? Es gibt also neben der Digitalisierung einen ganz klaren Trend zu Remote Control.

Kirchner: Was wir definitiv auf lange Sicht mitnehmen werden, sind Themen organisatorischer Natur vor allem Arbeitsmodelle, die wir eingeführt haben. Das hat auch in Shopfloor-Bereichen sehr gut funktioniert und zu einem massiven Umdenken geführt. Dieses neue Arbeitsmodell soll kein kurzfristiges Strohfeuer durch Corona sein. Wir arbeiten an einer langfristigen Umsetzung neuer flexiblerer Modelle, in denen Mitarbeiter bis zu 60% ihrer Zeit im Home-Office verbringen können.

Ebner: Organisationale Veränderungen hat es bei uns recht wenig gegeben. Das Verständnis von digitalen Methoden hat sich jedoch sehr gesteigert. Was wichtig wird, sind Themen wie die Übergabe von Informationen, wenn keine Kommunikation stattfindet. Es ist wichtig, dass die Anomalieerkennung in digitaler Form zur Verfügung steht. Das ist für mich der positivste Aspekt der Krise, dass man jetzt viel mehr "dahinter ist", solche Themen umzusetzen.

Moitzi: Digitalisierung ist und bleibt ein wichtiges Thema. Wenn 5G zur Verfügung steht, wird es noch einmal einen Schub geben. Durch die Krise sind Meetings disziplinierter geworden. Sich gegenseitig ins Wort fallen kostet sehr viel Zeit. Es wird außerdem viel strikter dokumentiert und man geht besser vorbereitet in Meetings.

Biedermann: In unserem Arbeitsbereich habe ich das Gefühl, dass die Veränderungen nachhaltig bleiben werden. Ich würde heute nicht mehr für eine einstündige Besprechung nach Wien fahren. Man braucht soziale Interaktion. Wir merken das stark in der Lehre und der Weiterbildung, dass hybride Formen von teilweise physischer Anwesenheit und teilweise Online-Modulen die Zukunft sind. Komplett ersetzen kann man den persönlichen Kontakt nie, aber diese hybride Form wird dauerhaft bleiben.

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