Onlinebefragung 2019

Wie digitalisiert sind Österreichs Instandhaltungen?

Am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Betriebswissenschaften an der Montanuniversität Leoben beschäftigt man sich schon seit Längerem mit der Ermittlung von Reifegraden von Instandhaltungen. Ein vielfach eingesetztes und praktisch erprobtes Reifegradmodell mit 18 Kategorien entstand im Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft. Doch wie sieht es mit dem digitalen Reifegrad der Instandhaltungen aus? Die digitale Transformation macht vor keiner Branche und keinem Unternehmensbereich halt. Dadurch entstehen neue Herausforderungen, jedoch auch Chancen. Insbesondere entstehen Chancen für neuartige Geschäftsmodelle in der Instandhaltung und es eröffnen sich noch nie dagewesene Möglichkeiten der Optimierung, unter anderem auch durch das Anwenden von datenanalytischen Methoden. Im Rahmen einer Instandhaltung 4.0 soll eine Vielzahl an Daten mit dem Erfahrungswissen der Mitarbeiter in Einklang gebracht werden, um dem hohen Wettbewerbsdruck und der geforderten Kosteneffizienz in der Prozessindustrie standhalten zu können.

Doch wie weit sind Österreichs Instandhaltungen aktuell hinsichtlich der Umsetzung von Digitalisierungsinitiativen? Ist die digitale Transformation bereits in den Instandhaltungen angekommen oder doch noch eher Zukunftsmusik? Um die Ist-Situation zu erheben, wurde eine Online-Befragung durchgeführt.

Für die Entwicklung des Fragebogens wurde das St. Gallener Digital Maturity Model herangezogen und mit Inhalten des bewährten Instandhaltungsassessments der Montanuniversität Leoben kombiniert. Es wurden jene Inhalte des Reifegradmodells für Instandhaltungen ausgewählt, die im Zusammenhang mit der digitalen Reife einer Instandhaltung stehen. Anschließend wurden diese Inhalte sieben der insgesamt neun Dimensionen des St. Gallener Modells zugeordnet. Die Dimensionen Customer Experience und Produktinnovation wurden von der Befragung ausgeschlossen, da diese im Zusammenhang mit der Bewertung von Instandhaltungen weniger relevant sind. Insgesamt wurden 44 Items des Instandhaltungsassessments in sieben Dimensionen eingeteilt. Die Kategorie ICT-Entwicklung und Betrieb (Information and Communications Technology) wurde in zwei Kategorien unterteilt, um die Ergebnisse besser darstellen zu können. Insgesamt nahmen an der Umfrage 97 Instandhaltungen teil, 85 Fragebögen waren auswertbar.

Mari Kollegger


Mari Kollegger MSc
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Florian Kaiser


DI Florian Kaiser
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Dieser Beitrag fokussiert auf die Hauptergebnisse und Key-Takeaways, die detaillierte Auswertung ist aktuell ausschließlich für ÖVIA-Mitglieder und Befragungsteilnehmer zugänglich. Die ÖVIA ist stets bemüht, ihren Mitgliedern Möglichkeiten für Benchmarking zu geben und sie immer über Trends und Entwicklungen zu informieren.

Die Reifegrade wurden in die folgenden drei Stufen eingeordnet:

  • Niedrig
    Der Großteil der Datenaufnahmen geschieht papierbasiert, die Verarbeitung läuft über Standardprogramme wie Excel.
  • Mittel
    Erste Versuche, historische Daten zu analysieren sind erfolgt und die Prozesse sind teilweise automatisiert. Digitalisierungsprojekte sind in Planung bzw. wurden teilweise bereits umgesetzt.
  • Hoch
    Ein strukturierter Prozess zur Entwicklung, Evaluierung und Priorisierung von Digitalisierungsideen ist in allen Abteilungen vorhanden. Es gibt eine cloudbasierte, modulare IT-Infrastruktur und Echt-Zeit-Daten werden systematisch gesammelt und bewertet.

In der Grafik sind die ausgewählten acht Dimensionen des St. Gallener Modells abgebildet.


Die Kategorie "Strategie" beschäftigt sich mit der strategischen Ausrichtung des Unternehmens, der Definition und Entwicklung von Kernkompetenzen, die von Instandhaltungsmitarbeitern in einer digitalisierten Zukunft gebraucht werden, sowie der systematischen Evaluierung und Priorisierung von digitalen Innovationen und Projekten.

Reifegrad Digitalisierung


Die Kategorie "Organisation" beschäftigt sich mit den organisatorischen Voraussetzungen, die notwendig sind, um agil auf neue Anforderungen der Digitalisierung reagieren zu können. Zusätzlich werden die unternehmens-, abteilungs- und funktionsübergreifende Zusammenarbeit bei Digitalisierungsinitiativen, sowie die Abdeckung des Ressourcenbedarfs und die Identifikation relevanter Technologien für die Instandhaltung in dieser Kategorie abgefragt.

Reifegrad Digitalisierung


Die Kategorie "Prozessdigitalisierung" beschäftigt sich mit der Automatisierung und Weiterentwicklung von Prozessen (z.B. Erhebung des Ersatzteilbedarfs) sowie dem Einsatz von Big-Data-Analysen zur Entscheidungsunterstützung in der IH-Prävention.

Reifegrad Digitalisierung


Der Fokus der Kategorie "Zusammenarbeit" liegt bei der Weiterentwicklung von Kommunikationsmöglichkeiten für den kontinuierlichen Verbesserungsprozess, der bereichsübergreifenden und ortsunabhängigen Zusammenarbeit sowie dem Standardisieren von Workflows.

Reifegrad Digitalisierung


Die Kategorie "ICT-Entwicklung" beschäftigt sich mit der Verfügbarkeit von WLAN bzw. offenen Schnittstellen zur effektiven und effizienten ortsunabhängigen Ausübung von Tätigkeiten und der Investitionsbereitschaft in die IT-Struktur.

Reifegrad Digitalisierung


Die Kategorie "ICT-Betrieb" beschäftigt sich mit dem Einsatz und dem Verständnis digitaler Technologien zur Optimierung der IH-Tätigkeiten.

Reifegrad Digitalisierung


In der Kategorie "Kultur & Expertise" steht der Faktor Humankapital im Vordergrund. Die Bereitschaft der Mitarbeiter zum Aufbau fachlicher Kompetenzen und die des Unternehmens, gewisse Risiken im Zuge der Digitalisierung einzugehen, wird erhoben. Zusätzlich werden Probleme und Hemmnisse, die von den Befragten im Rahmen der Digitalisierung wahrgenommen werden, dargestellt.

Reifegrad Digitalisierung


Die Kategorie "Transformationsmanagement" beschäftigt sich mit den Zuständigkeiten sowie dem Support der Managementebene und der Definition eines Zielsystems für die digitale Transformation.

Reifegrad Digitalisierung

Best-Practice Beispiel für die Kategorien ICT-Entwicklung & ICT-Betrieb: ÖBB Technische Services


Das Unternehmen gewährleistet die Instandhaltung und Weiterentwicklung von Schienenfahrzeugen sowie deren Komponenten. Durch den Fokus auf das Thema intelligente Instandhaltung konnten sie die Jury besonders in der Kategorie IT-Struktur beim Maintenance Award 2019 überzeugen und den zweiten Platz erzielen. Moderne Techniken, wie der Einsatz eines BDE-Systems, dienen dazu, den Instandhaltungsprozess zu verbessern und die Mitarbeiter bei ihren alltäglichen manuellen Tätigkeiten zu entlasten. Die papierbasierte Dokumentation gehört dadurch der Vergangenheit an – das bietet Einsparungspotenzial in der Arbeitszeit und garantiert eine lückenlose Dokumentation aller sicherheitsrelevanten Informationen.


Key-Takeaways

  1. Die Instandhaltungen erreichen in allen Kategorien - bis auf ICT-Betrieb und Prozessdigitalisierung - einen mittleren Reifegrad.
  2. Der Digitalisierungsgrad der Instandhaltung wird im Gegensatz zum restlichen Unternehmen geringer eingeschätzt.
  3. Sowohl Entwicklungs- als auch Investitionsbereitschaft in die ICT-Struktur ist vorhanden, der Einsatz von ICT ist jedoch noch gering. Die Branche wird sich in den nächsten Jahren stark verändern.
  4. Der Großteil der Unternehmen setzt bei Digitalisierungsinitiativen auf externe Partner (insbes. Software-Dienstleister).
  5. In vielen Unternehmen fehlt als Grundlage für gewisse Digitalisierungsinitiativen flächendeckendes WLAN.
  6. Als größte Hemmnisse für Digitalisierungsinitiativen werden Anforderungen an die Datenqualität, fehlendes Know-how in der IH und fehlendes IT-Personal genannt. Auch die Datensicherheit stellt für fast alle Befragten ein Problem dar.

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